Jahreslosung 2021

Glocken der Rafaelkirche in Unterföhring




Jesus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Lukas 6,36

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen!

Ein neues Jahr hat begonnen. Und für viele Menschen steht die große Frage im Raum: Was wird dieses Jahr bringen? Wie wird es sich entwickeln? Gibt es eine Wende zum Guten? Das werden spannende Fragen bleiben. Es ist eine gute Tradition geworden, dass wir für jedes Jahr eine Jahreslosung mit auf den Weg bekommen. Im Jahr 2021 ist dies ein Satz aus der Feldpredigt Jesu. Dieser >Satz wird bestimmt von dem Wort „Barmherzigkeit“. Für viele Menschen unserer Zeit ist dies eher ein Begriff, mit dem sie nicht so viel anfangen können. Was meint dieses Wort? Ja, vom Gleichnis vom barmherzigen Samariter kennt man diesen Ausdruck. Und manch einer hat dann vor Augen, was dieser fremde Mann aus Samarien einem Verunglückten Gutes getan hat.
Doch was bedeutet „Barmherzigkeit“? Wir können es übersetzen mit „beim Armen sein Herz haben.“ Das klingt interessant. Aber was kann ich mir darunter vorstellen?

1. Unser Leben ist so, wie es eben ist. Und deshalb benötigen wir Barmherzigkeit.
Im Laufe eines Jahres kommen wir immer wieder an Punkte, an denen wir schlucken müssen. Das mag jeder Mensch anders aufnehmen oder verkraften. Doch es gibt Situationen in dieser Welt, die uns sprachlos machen. Es gibt Momente in unserem Leben, die uns innehalten lassen, wo wir spüren: Das trifft mich jetzt. Da kann ich nicht einfach so drüber hinweggehen. Da gibt es Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten. Da gibt es Menschen, die mir Worte gesagt haben, die mir in der Seele wehtun. Da gibt es Schicksalsschläge, die mein Leben durcheinanderbringen können. Und da gibt es auch ganz persönliche Verhaltensweisen, die sich im Nachhinein als Belastung für einen selbst herausstellen. Wie dem auch sei, jedes Mal, wenn wir in unserem Leben an unsere Grenzen kommen, wenn wir spüren, da bin ich allein, da zieht mich ein Misserfolg oder Streit herunter, jedes Mal dann sehne ich mich nach Barmherzigkeit, nach Zuwendung, nach Aufmunterung. Und ich glaube, dass das ein Verlangen von uns allen ist. Es tut einfach gut, nicht auf sich gestellt zu bleiben, sondern jemand zu haben, der einem zur Seite steht, der ein Herz für einen hat.

2. Wo finde ich einen, der ein  Herz für mich hat?
Die Bibel beschreibt uns Gott immer wieder als denjenigen, der das Urbild der Barmherzigkeit ist, der ein Herz für uns Menschen hat, der uns nicht aufgibt, selbst wenn es um uns kritisch steht. Und das Faszinierende dabei ist, dass wir nichts vorweisen müssen, dass wir keine Leistung bringen müssen, um anerkannt zu werden. Jeder Mensch ist Gott so wertvoll, dass er ein Herz für ihn hat, mit seinem Herzen bei ihm ist. Gott selbst kennt die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens. Er hat dies in Jesus durchlebt und durchlitten, um uns Menschen ganz nah zu sein. Unsere Belastungen hat er zu seiner Sache gemacht, damit wir frei sein können. Er will unsere Sehnsucht nach Befreiung und Zuwendung stillen. Er will unser Leben aufrichten und uns ermutigen. Und wenn wir seine Zuwendung und Barmherzigkeit an uns heranlassen, dann geschieht noch ein Drittes.

3. Wir können Spiegel der Barmherzigkeit sein.
Und damit sin wir bei sehr konkreten Schritten für unser Leben, die von uns Mut fordern. Jesus sagt: „Seid barmherzig!“ Und damit meint er nicht einfach: Seid nett zueinander! Kommt gut miteinander aus! Versuch, anständig zu leben! Jesus geht tiefer. Er fordert uns sogar auf, unsere Feinde zu lieben. Und damit wird es nun spannend. Denn es ist schön und leicht, sich mit denen im Leben zu arrangieren, mit denen man zurechtkommt. Aber diejenigen, die einem das Leben schwer machen oder auch denen wir das Leben bewusst oder unbewusst schwer machen, zu begegnen und Schritte aufeinander zu zu gehen, das ist schon eine Herausforderung. Es gibt Menschen, um die wir lieber einen Bogen machen möchten. Es gibt Menschen, bei denen wir ein ungutes Gefühl bekommen, wenn wir sie sehen. Doch das belastet uns eben. Jesus ermutigt uns zu bewussten Schritten. Segne diese Menschen! Bitte Gott um seinen Segen für diese Menschen und das Miteinander mit diesen. Das meint nicht: Das ist alles in Ordnung gewesen, was vorgefallen ist. Das meint nicht Schluck alles runter und sei still. Es geht vielmehr um den bewussten Schritt: Lege die Probleme Gott in die Hände. So wirst Du erleichtert. Und so bleibst Du nicht nur bei Dir und Deinen Empfindungen stehen. Jesus möchte uns von einem Leistungsdenken wegbringen, dass nur darauf schaut, ob der andere Mensch mir etwas bringt oder nicht. Denken wir dran: Gott schaut jeden Menschen barmherzig an. Und wenn wir unser Herz ganz bei dem anderen haben, dann sehen wir aus einer anderen Perspektive, dann lösen sich manche Probleme. Denn dann schauen wir nicht mehr nur auf die Fehler des anderen. Wir können ihn vielmehr trotz seiner Fehler als von Gott geliebt sehen. Und das macht frei. 

Jeden Morgen stehen wir vor dem Spiegel im Bad. Und wir sehen uns, wie wir sind. Manchmal haben wir den Eindruck: Das bin ich nicht. Was spiegeln wir wider?  Was sehen die Menschen auf der Straße? Reflektieren wir durch unser Leben Gottes Barmherzigkeit? Wenn wir mit unseren Herzen bei den anderen sind, wenn wir in unserem Herzen ihre Armut und Schwachheit an uns heranlassen und uns davon berühren lassen, dann schlägt unser Herz für ein anderes Leben, für das Leben der Barmherzigkeit, das Jesus uns zeigt.

Ein gesegnetes Jahr der Barmherzigkeit wünscht Ihnen 
Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg