Predigt zum Nachlesen

25.10.2020 20. Sonntag nach Trinitatis

Predigt: Markus 2: 23-28

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

„Hoch die Hände, Wochenende“ heißt es jeden Freitag in einem Radiosender aus Ismaning. Da wird das Wochenende mitunter ganz besonders eingeläutet. Endlich wieder Wochenende! Den Hörerinnen und Hörern wird signalisiert: Jetzt ist die Arbeitswoche zu Ende. Jetzt fängt das wahre Leben an. Jetzt kannst Du machen, was Du willst. Und ich frage mich jedes Mal: Und was ist mit mir? Ich gehöre als Pfarrer zu denen, die am Freitag nicht das Wochenende einläuten. Oder doch? Ja, ich läute das Wochenende ein, mit unseren Glocken. Aber das bedeutet für mich nicht, dass ich nun die Füße hochlege und mich ausruhe. Da geht es vielmehr weiter: Taufen, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen, manchmal Konfirmanden, Gespräche und vieles mehr. Und auch andere Menschen müssen in ihren Berufen am Wochenende tätig sein. Es heißt, dass jeder Vierte am Wochenende arbeitet. Von wegen Freizeit!

Und manche in der Gesellschaft wünschen sich, dass es noch mehr Menschen werden, die am Wochenende arbeiten. Immer wieder gibt es in der Politik einen Vorstoß für verkaufsoffene Sonntage. Warum nicht? Denken manche Leute. In anderen Ländern gibt es das doch schon. In Italien kann ich auch am Sonntag in den Supermarkt gehen und einkaufen. Und das habe ich auch schon gemacht: Erst in die Kirche zum Gottesdienst und danach in den Supermarkt. Das ist ein erhebendes Gefühl. Und doch höre ich bei der Unterhaltung mit einer Verkäuferin eines italienischen Supermarktes, dass die Einführung des verkaufsoffenen Sonntages dramatisch ist. „Als Familie kommen wir gar nicht mehr zusammen. Jeder hat andere Dienstzeiten. So sehen wir uns nicht mehr.“ Diese Verkäuferin, mit der ich gesprochen hatte, sehnt sich nach den alten Zeiten. Es sollte am Sonntag wieder Ruhetag sein.

Unterdessen hat die Allianz für den freien Sonntag bei der UNESCO beantragt, dass der Sonntag in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden soll. Das ist ein beachtlicher Schritt.- Und da stellt sich ja auch die Frage, was an dem Sonntag so besonders ist, was so schätzenswert erscheint.

Der freie Sonntag hat seinen Ursprung im Schöpfungsbericht der Bibel. Am siebten Tag ruhte Gott. Und im dritten Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen“ wird dieses Prinzip für das alltägliche Leben der Menschen aufgenommen. Eine Göttliche Ordnung! Bei den Israeliten war es damals der Sabbat. Daran halten die Juden bi heute fest. Christen haben diesen besonderen Tag auf den Sonntag, den Auferstehungstag gelegt. Jede Woche sollen wir einmal auf diesen Höhepunkt kommen, der uns die Auferstehungskraft des lebendigen Gottes vor Augen führt. Wir dürfen die frohe österliche Botschaft neu vernehmen und uns dadurch auferbauen lassen.

Das klingt schön und gut. Aber wie sieht es in unserer Zeit eigentlich aus? Ist das noch die Realität von uns Menschen in unserem Land? Die Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher nimmt weithin ab. Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus. Die Relevanz des christlichen Glaubens sinkt in unserer Zeit immer mehr. Und wir müssen uns mitunter fragen: Ist der Glaube nicht bedeutungslos geworden? Kann man dann in unserer Gesellschaft überhaupt noch mit einer Forderung nach einem freien Sonntag kommen?

Nun, viele Menschen wissen das Wochenende unterdessen anders zu nutzen. Und sie entsprechen dabei durchaus dem Ruheprinzip des siebten Tages. Die Verkehrsnachrichten sprechen gerade an den Wochenenden immer wieder von langen Staus in Richtung Berge und Naherholungsgebiete. Da machen sich Menschen auf den Weg, um auszuspannen, abzuschalten vom Stress des Alltages. Und mitunter wirkt es so, dass man eine Zeit kräftig gearbeitet hat, sich voll reingehängt hat, und nun den Ausgleich, die Erholung, die Rekreation benötigt. Mittlerweile aus umweltpolitischen Gesichtspunkten recht verpönt sind die Kurztrips mancher Menschen, die eine intensive Arbeitsphase hinter sich haben und sich nun einfach in einen Flieger setzen, um Tapetenwechsel zu haben.

Ja, wir brauchen Zeiten der Rekreation, des Abschaltens. Danach sehnt sich das Menschenherz. Und immer weniger Menschen finden dies im sonntäglichen Gottesdienst. So schade das sein mag, wir müssen es erst einmal zur Kenntnis nehmen.

Was aber steht hinter diesem Verlangen, aus dem Alltag ausbrechen zu wollen? Dahinter können wir einen großen Hunger entdecken. Wir Menschen tragen in uns den Hunger nach Leben, nach Erfüllung, nach Gemeinschaft, nach Gerechtigkeit, nach einem gelingenden Leben. Doch oft signalisieren wir, dass dieser Hunger nicht im Alltag zu stillen ist, dass unser alltägliches Leben eher eine Last ist, dass Arbeit, Schule, der alltägliche Trott eher eine Belastung sei.

So werden wir heute durch das Evangelium in eine Situation hineingeführt, die ihren Platz nicht im Alltag hat. Denn es ist Sabbat. Und dennoch wird hier deutlich, dass wir Alltag und Ruhetag nicht einfach so voneinander trennen können.

Jesus ist an einem Sabbat unterwegs. Allein dies ist schon eine kritische Angelegenheit. Für Juden galt auch das Gehen von weiteren Strecken als Arbeit, als eine Tätigkeit, die am Sabbat zu ruhen hat. Und die Jünger Jesu sind mit ihm unterwegs. Sie folgen ihm nach. Von daher leitet Jesus seine Jünger einen Weg, der nach jüdischem Recht kritisch ist. Darüber hinaus machen die Freunde Jesu etwas, was aus jüdischer Sicht auch nicht ganz korrekt ist. Sie raufen Ähren. Also: Sie gehen einen Weg, an dessen Rand sich Felder befinden. Und da bedienen sie sich. Das war auf der einen Seite in der damaligen Zeit in Ordnung. Nur es handelt sich dabei ja um eine Art Erntevorgang. Und das durfte an einem Sabbat nicht geschehen. Wenn wir da an unsere Zeit denken und die Landwirte am Sonntag auf den Feldern mit ihren Traktoren beobachten können, dann hat sich da schon eine Menge verändert.

Doch hier geht es noch um etwas anderes. Jesus begründet das Verhalten seiner Freunde mit einem ganz natürlichen Bedürfnis. Sie haben Hunger. Und das ist etwas, was auch an einem Sabbat seinen Platz haben darf. Wer Hunger hat, darf essen. Und hier sind wir nun auch noch bei einem weitreichenderen Begriff von Hunger. Die Jünger essen nicht nur von den Früchten des Feldes, sie folgen auch Jesus nach. Und das meint: Sie haben Hunger nach Leben. Sie sehnen sich nach den Antworten auf die Fragen ihres Lebens, die Jesus geben kann. Jesus stillt den Hunger seiner Freunde.
Er schenkt die Botschaft zum Leben.

Und hier wird die Szene nun spannend.
Wir dürfen die Pharisäer nicht vorschnell abstempeln. Sie sind Menschen, die ihren Glauben durchaus sehr ernst nehmen. Sie wollen das Wort Gottes respektieren. Und deshalb ist das Verhalten Jesu und seiner Jünger ein Dorn im Auge. Doch Jesus macht ihnen mit seinen Worten deutlich, dass sie das Sabbatgebot von einer falschen Seite her angehen. Es geht nicht darum, Gesetze und Gebote einzuhalten, um damit Gott zu gefallen. Denn der Sabbat ist nicht ein Tag, den sich Gott zum Spaß ausgedacht hat, um die Menschen zu ärgern. Jesus stellt vielmehr klar, dass Gott ein Herz für uns Menschen hat, dass er uns helfen möchte, dass wir zur Ruhe kommen, dass wir neue Kraft schöpfen können, dass wir den Hunger und die Sehnsucht nach Leben stillen können. Er weiß, dass wir Menschen das benötigen und er möchte uns dazu Gelegenheit geben.  

Und wenn es akute Fälle und Situationen gibt, dann sind auch mal ganz ungewöhnliche Schritte nötig, wie es das Beispiel von David zum Ausdruck bringen möchte.
Der Hunger nach Leben möchte gestillt werden. Und deshalb brauchen wir einen Boxenstopp. Deshalb möchte uns eine Auszeit uns neu einstellen und ausrichten. Ja, schön und gut, aber brauche ich dazu wirklich den Sonntag? Muss ich dann in die Kirche gehen? Für viele Menschen unserer Zeit ist das nicht mehr die Frage. Kirche und Glaube sind für sie zu Randerscheinungen geworden. Und so verstehen sie mitunter auch nicht mehr, warum Christen gerade den Sonntag und den Gottesdienst so betonen.

Zugegeben, Auszeit kann ich sehr unterschiedlich gestalten. Und so werde ich mich auch über so viele Unternehmungen freuen können, die ich in meiner Freizeit mache. Und ich werde dies auch immer wieder als besonderen Impuls im Leben erfahren, als Stärkung und auch ein Stück weit als Stillung meines Hungers nach Leben.

Doch hier geht es noch um einen ganz anderen Akzent. Und dieser ist mitunter nur für den zugänglich, der bereit ist, sich darauf einzulassen. Es ist der Schritt des Glaubens, des Vertrauens und der Nachfolge auf Jesus. Die Jünger folgen Jesus nach, weil sie spüren: Bei ihm wird mein Hunger nach Leben gestillt, bei ihm bekomme ich Impulse, die mein Leben ganz neu ausrichten, bei ihm erfahre ich eine lebendige Botschaft, die nicht nur für den Augenblick gilt, sondern für das gesamte Leben und darüber hinaus.

Jesus geht es um die Entlastung unseres Lebens. Er möchte uns nicht zu etwas zwingen, sondern uns Freiheit schenken. Und so freue ich mich auch immer wieder, wenn Menschen nicht unter einem Zwang in den Gottesdienst kommen, nicht, weil es sich so gehört, weil man seine Pflicht erfüllen muss oder Ähnliches, sondern von Herzen, mit einer tiefen Sehnsucht nach Orientierung, Veränderung, Stärkung. Wenn der Feiertag, wenn der siebte Tag der Woche kein Muss ist, sondern als ein großes Angebot, als eine Chance empfunden wird, dann kann und muss ich auch nicht dies und das noch tun, mich unter Druck setzen lassen, sondern einfach einmal sagen: Morgen ist auch noch ein Tag.

Dazu kommt noch die Botschaft Jesu, die nicht nur für den herausgehobenen Tag gilt, sondern auch für den Alltag. Und das ist etwas ganz Entscheidendes: Wir sind nicht allein gelassen auf dem Weg durch die Niederungen des Alltages. Mit der Botschaft des Lebens, der Ermutigung, der Zuversicht erfährt unser Alltag noch einmal einen ganz anderen Sinn und wird nicht so sehr zu einer fremden Belastung. Jesus möchte uns entlasten. Er möchte uns befreien, von dem, was auf unserer Seele drückt. Er möchte uns Frieden und Geborgenheit schenken für den Weg durch die Zeit mit all den Höhen und Tiefen, die das Leben so mit sich bringt. Er stillt unseren Hunger, unsere Sehnsucht nach Leben, nach mehr. Denn er ist das Brot des Lebens. Jesus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Und er lädt uns inmitten unserer Zeit ein, zu ihm zu kommen, das zu empfangen, was wir brauchen. Er möchte uns von allem Druck befreien. Wir dürfen schmecken und sehen, wie freundlich er zu uns ist. Und das ist immer wieder neu ein Erlebnis. Und es lohnt sich zu kommen, zu ihm zu kommen und zu schauen und zu sehen und zu hören. Gott ist mit uns. Er stillt unseren Hunger nach Leben. Das dürfen wir erfahren, wenn wir uns auf den Tag des Herrn einlassen.

Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg