Predigt zum Nachlesen

09.08.2020 9. Sonntag nach Trinitatis

Hans-Joachim Vieweger
Gottesdienste in Ismaning und Unterföhring, 9.08.2020
 
Jeremia 1,4-10

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
 
Gebet
 
Da können wir doch von Glück sprechen, dass Gott nicht so unmittelbar zu uns spricht wie zu diesem Jeremia – damals im Jahr 626 vor Christus. So richtig begeistert klingt seine Reaktion nicht: Jeremia würde die Berufung zum Propheten am liebsten verweigern, er fühlt sich für nicht geeignet, für zu jung. 
 
Und vielleicht ahnt er zu diesem Zeitpunkt schon, dass das mit dem Prophetendienst kein lockerer Job ist. Ich weiß nicht, inwieweit Ihnen die Geschichte Jeremias präsent ist. Er muss ständig mahnen: Er kritisiert den Götzendienst, das Volk und die Mächtigen zur Umkehr rufen zu dem einen Gott, dem Gott Israels; er kritisiert eine Politik, die glaubt, sie könne mit Deals zwischen den Mächtigen der damaligen Weltpolitik das kleine Land Juda gut durch die Zeitläufte bringen – anstatt auf Gott zu vertrauen. Und er kündigt schließlich die Eroberung durch König Nebukadnezar und die Verschleppung vieler Israeliten nach Babylon an. All das ist wahrhaft nicht vergnügungssteuerpflichtig. Die Folge: Seine eigenen Verwandten distanzieren sich, es kommt zum Konflikt mit den staatlichen Autoritäten, die Tempelpolizei nimmt ihn fest und steckt ihn in den Block, man wirft ihn sogar in eine Zisterne – in der Erwartung, dass er dort elend krepiert, am Ende wird er nach Ägypten verschleppt und wir wissen noch nicht einmal, was aus diesem großen Mann Gottes geworden ist. Nach menschlichen Maßstäben ist die Geschichte Jeremias wahrlich keine Erfolgsgeschichte. Nur gut, dass Gott nicht uns zu Propheten macht und so unmittelbar mit uns redet wie zu Jeremia. 
 
Aber stopp: Stimmt das eigentlich? Stimmt es, dass Gott nicht mit uns redet, und dass er keine Aufträge für uns hat – wenn auch vielleicht nicht gleich den Auftrag, als Prophet unterwegs zu sein? 
 
Sie ahnen es: Das ist eine rhetorische Frage – und die Antwortet lautet natürlich Nein. Es stimmt nicht. Denn: Gott redet zu uns – durch sein Wort. Und er hat auch einen Auftrag für einen jeden von uns – ich erinnere an den Wochenspruch: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ Und das hat niemand Geringerer als Jesus gesagt. 
 
Also lasst uns schauen, was wir konkret aus dem Jeremia-Text für uns lernen können – selbst, wenn wir vielleicht nicht gleich zum Propheten berufen sind. 
 
Erstens: Gott kennt uns – oder ganz persönlich: Gott kennt mich und dich. 
 
„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete.“ Dieses Wort gilt nicht nur für Jeremia. Das gilt für einen jeden von uns. Das mag unglaublich wirken – ein Psalmist sagt das vor lauter Staunen einmal so: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst.“ Und doch zieht sich durch die ganze Bibel dieser Gedanke: Jeder Mensch ist Gott unendlich wichtig. Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist von Anfang an eine Liebesgeschichte. Wahre Liebe ist immer auf das Du bezogen. So schafft Gott den Menschen aus Liebe zu seinem Gegenüber. Und er wünscht sich nichts mehr als die permanente Beziehung mit einem jeden von uns – vom Garten Eden bis heute. Klar, da ist dann leider die Sünde dazwischengekommen, die die Beziehung belastet. Aber am Anfang steht nicht die Sünde, sondern die unendliche Liebe Gottes. Die sich eben darin ausdrückt, dass Gott jeden von uns kennt – und liebt.
 
Sie können alles aus diesem Gottesdienst vergessen, aber bitte nicht diese eine Botschaft, dass da ein Gott ist, der Sie, der Dich liebt, dem Du nicht egal bist, für den Du keine Nummer bist, der sagt: Du bist wertvoll für mich – und zwar nicht, weil du etwas Tolles leistet, sondern einfach, weil ich es dir zuspreche. 
 
Ich bin ein großer Freund der Kindertaufe, auch wenn ich weiß, dass man die Kindertaufe mit biblischen Argumenten hinterfragen kann. Doch in der Taufe kleiner Babys drückt sich eine tiefe theologische Wahrheit aus: Gottes Liebe wird uns zugesprochen, bevor wir irgendetwas leisten können, bevor wir Muh und Mäh oder Mama oder Papa sagen könnten, also ohne dass wir für Gott etwas geleistet hätten. Und dann wünscht sich Gott nichts sehnsüchtiger, als dass wir ebenfalls Ja sagen zu ihm. Denn Liebe sucht das Ja des anderen. 
 

Wer liest, was hier bei Jeremia, in den Psalmen („Du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleib.“) oder auch in Liedern wie von Paul Gerhardt steht, der versteht übrigens, warum Christen immer radikale Lebensschützer waren – schon in den ersten Jahrhunderten, als man von den Christen sagte, sie würden im Unterschied zu anderen keine Kinder aussetzen und sich um die Alten kümmern. Ich weiß, dass das Thema Abtreibung heute fast schon ein Tabuthema ist, selbst in den Kirchen – wer will schon wagen, anderen Vorschriften zu machen bei einer so persönlichen Frage wie einer Schwangerschaft. Aber wer die Bibel ernst nimmt, allein diesen Gedanken, dass jedes Kind schon im Mutterleib von Gott geschaffen ist, dass jedes Kind ein Gedanke Gottes ist, der muss für das Leben sein, der muss für das Leben werben. Selbst dann, wenn das unbequem sein mag – aber wir haben ja schon gehört, dass das bei Jeremia nicht anders war.
 
Zweitens: Gott kennt uns nicht nur. Seine Liebe drückt sich darin aus, dass er mit uns redet – was wäre eine Beziehung ohne das Gespräch. 
 
Nun, mein Einwand vom Anfang hat ja eine gewisse Berechtigung: Gott redet nicht so mit uns, wie wir miteinander reden. Wie das genau bei Jeremia funktioniert hat, wissen wir nicht, aber das Reden Gottes muss ziemlich deutlich gewesen sein – so deutlich, dass sich Jeremia dagegen gewehrt hat. 
 
Doch wir alle haben die Bibel, das Wort Gottes. Und ich kann Ihnen sagen, dass ich immer wieder Situationen hatte, in denen mich Worte der Bibel total getroffen haben, so dass ich wusste, jetzt sagt Gott mir etwas. Das kann eine neue Erkenntnis sein, eine Mahnung, ein Trostwort. Das kann auch die Frage sein: Wie reagierst Du auf meine Liebe? Möchtest Du die Beziehung zu mir eingehen? Biblisch gesprochen: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Türe auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“
 
Gott redet. Und als Christen glauben wir, dass sich Gott letztgültig in Jesus geoffenbart hat, Er ist das entscheidende Wort Gottes. Oder um es mit der ersten These der Barmer Erklärung aus dem Jahr 1934 zu sagen: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“
 
Auch dieses Wort stellt uns letztlich die Frage, wie wir zu diesem Jesus Christus stehen. Sie merken: es wird schon herausfordernder.
 
Aber es geht weiter.
 
Drittens: Gott beauftragt uns. Oder allgemeiner gesagt: Gott hat einen Plan für unser Leben. Und auch das wieder konkret: Einen Plan für mein und für Dein Leben. 
 
Uff – ob uns das Recht ist? Wir müssen ja nicht mal gleich an die unbequemen Aufgaben des Jeremia denken. Bauen und pflanzen – das geht ja noch, aber ausreißen und einreißen sollte er, zerstören und verderben – klingt nicht prickelnd. 
 
Doch ganz allgemein reibt sich der Gedanke, dass da ein anderer einen Plan für mein Leben hat, mit unserem Freiheitswillen. Wir wollen doch schließlich selbst entscheiden, was wir tun und lassen, uns selbst verwirklichen. Sie wollen wahrscheinlich lieber nicht wissen, welche Diskussionen in diesen Tagen in Familien geführt werden, wenn es um die Zukunft der Kinder geht – also bitte: Eltern haben da nicht viel mitzureden. Aber so denken nicht nur unsere Kinder, so denken wir im Allgemeinen Ich entscheide für mich und niemand sonst.
 
Nun: jeder weiß, wenn er ein bisschen nachdenkt, dass er mit der Selbstbestimmung nicht ganz so weit her ist, wie viele Einflüsse unsere Freiheitsgrade beschränken. Vielleicht auch, dass der ständige Versuch der Selbstoptimierung, die uns heutzutage zugemutet wird, ganz schön belastend sein kann. Und was ist, wenn unsere schönen Pläne scheitern? Sind dann auch wir als Menschen gescheitert? 
 
Ich will Ihnen weitere Ausführungen auf dieser Ebene ersparen, ich möchte die Frage, wie wir unser Leben gestalten, vielmehr in Beziehung zu Gott bringen. 
 
Es hat ja so vielversprechend begonnen: da ist ein Gott, der uns kennt und uns liebt, der über unserem Leben sein großes Ja-Wort ausspricht – und der sich nichts sehnsüchtiger wünscht, als dass auch wir Ja zu ihm sagen. Nehmen wir an: wir treffen diese Entscheidung, wir leben ganz bewusst als von Gott Geliebte, als Christen. Dann gehört dazu, dass wir auf sein Wort hören, uns bewusst Zeit nehmen, ihm zu begegnen. Und dann werden wir fragen, welche Bedeutung unser Leben nicht für uns allein, sondern eben für Gott hat. Wir werden fragen, was Gott gefällt und was ihm nicht gefällt. Wir werden nach seinen Geboten fragen. Ich bin überzeugt, dass Gottes Pläne und seine Gebote für uns gut sind, dass es nichts Besseres gibt, sich an Gott zu orientieren. Aber dieses Verständnis nimmt ab, wir leben vielmehr in einer Zeit, in der Gottes Gebote manchmal zu Angeboten gemacht werden, zu Möglichkeiten, die wir nutzen können oder vielleicht auch nicht. Je nachdem, was uns gefällt. 
 
Damit aber nehmen wir Gott nicht ernst. Wir sind von Gott reicht beschenkt – deshalb sind wir im Rechenschaft schuldig. Deshalb hat er das Recht zu fragen, was wir mit all den Talenten, all dem, was uns anvertraut ist, machen. 
 
Wie gesagt: Das klingt herausfordernd – nicht nach dem lieben Gott, den man herausholt, wenn man ihn mal nötig hat, der einem aber ansonsten gestohlen bleiben kann. Und ich verstehe, wenn Menschen dagegen revoltieren und sagen, ich will mein Leben ohne Gott führen – was die Bibel als Sünde bezeichnet, die wiederum die Beziehung mit Gott kaputt macht. 
 
Aber ich möchte zugleich den Blick dafür öffnen, welche Chance damit verbunden ist, wenn wir den Aufträgen Gottes folgen. Man kann das Ganze nämlich auch positiv wenden: Wir sind Gott nicht egal, er wünscht sich uns als Mitarbeiter in seinem Team. Er hat Aufgaben für uns. Die Geschichte Gottes ist keine abstrakte Geschichte, sondern eine Geschichte mit ganz konkreten Menschen. Mit Jeremia und vielen anderen Propheten. Oder mit Maria, die die verrückteste Botschaft bekommt, die sich eine junge Frau nur vorstellen kann: Du wirst schwanger werden, obwohl du noch mit keinem Mann geschlafen hast – der Heilige Geist wird über dich kommen. Geht’s noch – würden wir denken. Aber Maria sagt: Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast. 
 
Ich könnte jetzt auf viele große Menschen hinweisen, die Gottes Auftrag befolgt haben – nach dem Motto: schaut, was für tolle Sachen dabei herauskommen, wenn man Gottes Auftrag folgt. Aber das wäre falsch, denn es geht nicht – zumindest nicht nur – um die großen Dinge, die passieren, wenn wir Gott folgen. Es geht vielmehr darum, dass jeder von uns erfahren darf, dass das, was wir tun, nicht sinnlos ist, sondern Teil von Gottes Plan mit dieser Welt. Egal, wo du bist: in der Schule, in der Arbeit, zuhause, egal, was du tust, in der konkreten Nächstenliebe, im Beten für andere, manchmal nur im Dasein (gerade jetzt in Corona-Zeiten). Ich bin überzeugt: Menschen, die mit Gott leben, machen einen Unterschied. 
 
Und mag sein, dass es nicht immer einfach ist, dass man als Christ manchmal verlacht wird – man muss ja nicht gleich in der Zisterne landen wie Jeremia. Aber auch dann gilt das, was Gott Jeremia zusagt: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.“ 
 
Vielleicht denken Sie in den kommenden Tagen noch mal nach über die drei Punkte: Gott kennt mich, er redet zu mir, und er beauftragt mich – ich bin Teil seines Teams. Keine so schlechte Perspektive für ein sinnvolles Leben, oder?


 

Predigt von Pfarrer Carsten Klingenberg

Jeremia 1:4-10

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

es gibt Augenblicke im Leben, vor denen möchte man am liebsten ausweichen. Es gibt Situationen, die erscheinen uns zu gewaltig. Es gibt Aufgaben und Aufträge, die sind für uns einen Nummer zu groß. Immer wieder werden wir vor derartige Herausforderungen gestellt. Und wir haben ein Gespür dafür, was für uns etwas ist, dem wir uns gerne stellen wollen. Aber wir wissen auch, wo wir am liebsten fliehen möchten, weil wir ganz nüchtern sagen: Das ist nicht meins. Da bin ich nicht kompetent genug. Das schaffe ich nicht. Am liebsten bleiben wir in unseren vertrauten Bahnen. Das, was wir kennen, womit wir umgehen können, das passt für uns. Doch Wege ins Ungewisse, Aufgaben, denen wir uns das erste Mal stellen müssen, Situationen, die unsere Kompetenz übersteigen, das alles wird uns zu viel. Das erschreckt uns. Da suchen wir lieber Auswege und Alternativen.

Heute hören wir von einem Mann, der auch vor eine ungewöhnliche Aufgabe gestellt wird. Und er spürt so richtig: Das ist nicht meins. Da kann ich nichts mit anfangen. Das ist mir zu heißt. Das ist mir eine Nummer zu groß. Jeremia versucht sich mit allen Mitteln zu wehren gegen einen Auftrag Gottes. Er soll Prophet werden. Ja, das ist wirklich nicht jedermanns Sache, in der Öffentlichkeit aufzutreten, im Rampenlicht zu stehen und mitunter Dinge zu sagen, die den Leuten überhaupt nicht gefallen. Da gehört schon ganz schön Mut und Selbstbewusstsein dazu, andere auch auf ihre Fehler hinzuweisen.

Auch in unseren Tagen sind die Leute nicht populär, die etwas sagen, was die Menschen nicht hören wollen. Vor Wahlen sollte man nicht mir heiklen Themen kommen, sollte man kein heißes Eisen in Angriff nehmen. Das kostet in der Regel nur Stimmen. Und mag es noch so einleuchten und sinnvoll für diesen Augenblick sein. Das wollen die Leute nicht hören, vor allem nicht, wenn es mit Einschränkungen verbunden ist. So etwas verschweigt man lieber und geht es erst nach den Wahlen an.

Nun, unsere Politiker wollen gerne Erfolg sehen. Sie stellen sich zur Wahl und wollen möglichst viele Stimmen erhalten. Sie wollen Erfolg haben und bei den Menschen beliebt sein. Hier ist das Rampenlicht oft mit Ehre verbunden. Es tut gut, von den Menschen gesehen und geachtet zu werden.

Doch bei einem Propheten wie Jeremia ist das etwas anderes. Zudem scheint er eher ein schüchterner Typ zu sein. Und er besitzt auch einen nüchternen Blick auf die Lage. Ihm ist klar: Das wird ein harter Job.

Jeremia möchte sich herauswinden. Und seine Argumente sind so sympathisch. „Herr, ich tauge nicht zu predigen. Ich bin zu jung.“ Wie gut können wir das verstehen! Da mag jemand seinen normalen Weg weitergehen. Da möchte jemand unscheinbar und unspektakulär erscheinen. Doch das geht nicht!

Und da muss ich schlucken! Hier wird von einem Ereignis berichtet, um das sich Jeremia nicht drücken kann. Hier geschieht etwas, das trifft ihn mitten ins Leben. Geradezu senkrecht von oben, mitten ins Herz kommt die Ansage: Du sollst mein Prophet sein! Du sollst für mich predigen.

Ich muss an einem jungen Mann denken, die in einer Familientradition steht. Ein großes Geschäft, eine erfolgreiche Firma wird über Generationen von der Familie geführt. Und nun kommt es zu dem Punkt, dass plötzlich der Vater stirbt. Und alle sagen: Jetzt musst Du das Unternehmen führen. Und wir kennen solche Geschichten. Das gibt es in Familiendynastien im Unternehmensbereich, das hat es immer wieder in den vergangenen Jahrhunderten unter den Herrscherhäusern gegeben. Da gibt es einen, der nun dran ist, der aber ein ganz anderes Wesen hat, andere Begabungen und Interessen in sich trägt, der sich innerlich sträubt und scheut vor der großen Aufgabe. Manchmal hat es dann doch funktioniert, dass mit der angenommenen Aufgabe auch ein inneres Wachstum geschieht und das Unternehmen gelingt. Aber die andere Seite gibt es eben auch, dass jemand gar keinen Draht zu der herausragenden Aufgabe hat und letztlich das Unternehmen in den Sand setzt. Vielleicht hat dieser Mensch am Anfang auch gesagt: Ich bin zu jung. Ich bin nicht geeignet. Ich tauge nicht zu dieser Aufgabe.

Und das sind auch Erfahrungen, die wir im alltäglichen Leben machen. Immer wieder werden in uns Erfahrungen gesetzt, bei denen wir den Eindruck haben, die können wir nicht erfüllen. Manch einem ist die Steuererklärung zu viel. Und da lässt man dann lieber einen Steuerberater dran. Der ist vom Fach. Der hat das gelernt. Der weiß, was Sache ist. Ja, so möchten wir es am liebsten immer tun. Wir delegieren die Aufgaben, die uns treffen, an Menschen, die das können, auf die wir uns verlassen können, wo wir wissen, das wird schon.

Jeremia muss jedoch schlucken. Da sagt einer zu ihm: Ich kenne Dich. Ich habe die ausgesondert. Ich habe Dich zu dieser Aufgabe bestellt. Ja, Du bist dafür vorgesehen und sonst kein anderer: Und das ist von langer Hand geplant. Das ist Deine Bestimmung, nicht erst seit gestern, sondern seit jeher. Jeremia hat also keine Chance. Es bringt ihm nichts, fliehen zu wollen. Seine so liebenswerten Worte, seine so ehrlich Begründung zählt nicht. Nein, Du bist nicht zu jung. Nein, Du bist nicht ungeeignet. Nein, Du bist nicht zu schwach.

Sage das nicht! Und der, der das sagt, ist kein anderer als Gott selbst. Bingo, da gibt es keine Alternative. Da gibt es kein Auskommen.

Stattdessen wird es erst so richtig konkret! Gott sagt ohne wenn und aber: Geh und predige! Da rutsch dem Jeremia das Herz in die Hose. Doch Gott lässt ihn nicht allein. Jeremia erhält einen Zuspruch: Ja, es ist eine bedeutende und nicht einfach Aufgabe. Aber: Fürchte Dich nicht! Du darfst Dich geborgen wissen. Du bist nicht allein. Das ist die Zusage an Dich: Ich bin mit dir! Und das ist schon ein gewaltiges Wort. Jeremia darf wissen, dass an seiner Seite niemand geringeres als Gott steht. Das ist doch was! Aber das verlangt auch viel Vertrauen. Nicht jeder Moment sieht so rosig aus, dass er sich dessen gewiss sein kann. Mitunter kommen ihm auch Zweifel. Doch die Zusage steht.

Wunderbar! Aber was hat das mit uns zu tun? Wir sind doch keine Propheten? Das ist doch hier eine ganz spezielle Angelegenheit. Doch keiner von uns wird doch wie Jeremia?

Mag sein, dass wir kein Jeremia werden. Und doch muss ich an den Tenor des Hebräerbriefes denken. Dort bekommen wir zugesagt: Ihr seid ein königliches, priesterliches und prophetisches Volk!
Nicht schlecht! Aber was bedeutet das für uns? Ja, was hat das mit uns und unserem Leben zu tun? Wenn ich an das erste denke: Ihr seid ein königliches Volk!, dann sagt das uns: Durch die Taufe gehörst Du in die Gemeinschaft, in das Volk des höchsten Königs, in das Gottesvolk. Und das bedeutet: Du darfst ein Königskind sein, ein Kind des höchsten Königs. Das ist eine ganz besondere Würde und Ehre. Und zugleich macht das sichtbar: Du bist nicht allein. Du gehörst zu einer Gemeinschaft. Hier kommt also etwas von dieser Zusage um Ausdruck: Du bist nicht allein.

Der zweite Aspekt sagt: Ihr seid ein priesterliches Volk! Und damit stehen wir mitten bei der Erkenntnis der Reformationszeit: Durch Christus sind wir alle Priester. Das Priestertum aller Gläubigen macht klar: Es braucht keine Mittler mehr zwischen Gott und Mensch. Durch Christus haben alle direkten Zugang zu Gott.

Und nun kommt noch der Akzent, der gerade hier bei Jeremia eine Rolle spielt, nämlich: Ihr seid ein prophetisches Volk! Und dadurch wird auch klar, dass Prophetie mit Christus nicht mehr nur die Aufgabe einiger weniger herausgenommener Persönlichkeiten ist, sondern die Aufgabe aller Christinnen und Christen.

Denn, was macht ein Prophet? Ein Prophet tritt in den Dienst des lebendigen Gottes. Er bezeugt und verkündet durch sein Reden, Tun und Handeln, kurz durch sein Leben die Botschaft Gottes. Und somit sind wir alle prophetische Menschen, die die Botschaft des Evangeliums bezeugen, und zwar mit unseren Worten und Taten, mit unserem Leben. Dadurch, dass wir auf Gottes Botschaft hören und nach seinem Wort leben, handeln wir prophetisch. Propheten sind keine Neuerfinder spektakulärer Dinge. Propheten sagen nicht mit Blick in die Glaskugel die Zukunft voraus, sondern sie bezeugen Gottes Willen.

Und dazu wird Jeremia ausgerüstet. Gott liebt es, mitunter durch sehr anschauliche Aktionen seinen Plan mit einem Menschen sichtbar werden zu lassen. Und da spielen die Hände immer wieder eine Rolle. Er steckt seine Hand aus und legt seine Worte in Jeremias Mund. Er macht ihn sichtbar zum Propheten. Segen und Bevollmächtigung zum Bezeugen des göttlichen Willens, das erfährt Jeremia. Aber das erfahren auch wir, wenn wir gesegnet werden. Gott sendet auch uns jeden Sonntag neu in die Woche, auf die Straßen unseres Lebens. Und weil wir gesegnet und ausgesandt sind, deshalb sind wir auch bevollmächtigt, durch unser Leben, Reden und Handeln Gottes Gerechtigkeit den Weg in dieser Welt zu bahnen, an den Orten, an die wir gestellt sind. Das ist eine Ermutigung. Und weil wir alle Gott wichtig sind, stellt er uns mit unseren Begabungen und Fähigkeiten in diese Welt. Und wenn wir sagen: Ich bin zu jung, dann werden wir neu daran erinnert: Du bist auserwählt! Du bist einmalig! Du bist nicht allein! Du gehörst zu Gott und zu seinem Volk! Du bist getragen, auch auf den herausfordernden Wegstrecken!

Doch zum Schluss muss ich noch einmal schlucken! Ist das nicht Größenwahn, was wir da hören?! Du bist über Völker und Königreiche gesetzt! Das ist doch nun wirklich drei Nummern zu groß! Ich glaube, dass es hier nicht um einen Leistungsdruck geht. Wir müssen hier nicht gleich die ganze Welt retten. Es ist vielmehr in ein schönes Bild gekleidet. Wie bei einem Garten geht es darum, zu pflanzen und zu bauen, zu gestalten und zu pflegen. Und dahinter steht das Leben der Liebe Gottes. Und das trägt zugleich dazu bei, dass das Unkraut nicht um sich greifen kann. Als Gottes gute Verwalter pflegen wir diese Welt, in der wir leben. Wir reißen die unguten Dinge aus, indem wir nicht mitmachen bei Intrigen und Tratsch, bei Gemauschel und Ausgrenzung, reißen ein und zerstören die Türme des Egoismus, des Denkens allein an sich selbst und verderben die Geschäfte der Geschäftemacher.

Gott kennt dich und mich und uns alle. Und er möchte uns dazu gebrauchen, dass wir mit an seinem Reich bauen, dass dies immer wieder mitten unter und durch uns aufleuchten kann bei aller Finsternis in dieser Welt. Deshalb: Weichen wir nicht den Aufträgen Gottes aus. Er möchte uns gebrauchen, dass seine Liebe in dieser Welt scheint. Bezeugen wir seine Liebe als seine Propheten in diesem Sinne.

Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg